Lieblingsort:
Der Teich im Viktoriapark Kreuzbergstraße, 10965 Berlin-Kreuzberg

„Es gibt zwischen Wasserfall und Tiergehege einen kleinen verborgenen Teich. Wenn die Rhododendren drum herum blühten, habe ich dort immer gern geübt. Das hat die Leute von überallher in das Versteck gelockt.“

Klavierhelmut

Als er vor einigen Jahren aufhörte, als Klavierstimmer zu arbeiten, da dachte er bei sich: Jetzt hast du endlich Zeit, zu spielen. Klavierhelmut, so wurde er irgendwann von allen genannt – und so meldet er sich inzwischen auch am Telefon. Aber es mache eben einen Unterschied, ob man zu Hause für sich spielt oder für Menschen, erklärt er. Und weil die Menschen nicht alle zu ihm kommen können, geht er eben raus zu ihnen. Während er spricht, blickt er aufmerksam die Straße hoch, um die nächste Lücke im Autostrom abzupassen und sein Klavier ein oder zwei Parklücken weiter zu schieben. Denn wenn das Wetter stimmt, dann schnallt Helmut sein Klavier auf einen Rollwagen, einen Barhocker obendrauf – und zieht los, den Kottbusser Damm hinauf, bis er die Brücke erreicht hat.
Wenn er dort einen Platz gefunden hat, muss er noch einige Tasten nachstimmen, die unter dem Geruckel gelitten haben – und dann kauft er sich eine Flasche Rotwein. »Denn«, erklärt er, »wenn die Flasche nicht auf dem Klavier steht, dann denken alle, die mich kennen: Der macht’s nicht mehr lange.« Der Rotwein gehört dazu, wenn langsam die Sonne untergeht und den Himmel über der Brücke einfärbt. Dann beginnt Klavierhelmut zu spielen. Und dabei geht eine Verwandlung mit ihm vor. Gerade hat er noch mit den Umstehenden gewitzelt, sich aufmerksam nach bekannten Gesichtern umgeblickt, doch kaum sitzt er vor seinen Tasten, scheint er alles um sich herum zu vergessen, die selbst gedrehte Zigarette brennt weiter zwischen seinen Zähnen, als einziges Zeugnis dafür, dass die Zeit weiterläuft.
Und genau das ist es auch, was alle Fußgänger, Einkäufer und Fahrradfahrer ansteckt. Sie lassen sich darauf ein – und verweilen. Im ersten Moment ist es eine Überraschung, diese Töne, die man nur aus geschlossenen Räumen kennt, in den Himmel entschweben zu hören, und dann ist es eigentlich nur noch eins: ein Geschenk.

Erschienen in „111 Berliner, die man kennen lernen sollte“, Emons Verlag, 2016, Köln


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